Die Männerarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche hat Alois, Dieter und zwölf weitere Männer zusammengebracht. Die Teilnehmer sollten sich mit dem Tod und auch mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen. In einer Sargfabrik. Das schlug ein. In ganz Deutschland interessierten sich Medien für das Projekt. Günter Kusch, Pfarrer und Leiter der Männerarbeit in der bayerischen Landeskirche, hat die Erfahrung gemacht, dass Hobel und Exzenterschleifer nicht nur Holz glätten, sondern bei Männern auch Gedanken freisetzen und den Mund öffnen. So schreinern die Männer in mehreren Gruppen Särge. Und kommen darüber ins Gespräch. Holger möchte vor dem Sterben sein Leben aufgeräumt haben, sagt er, und keine vollgemüllte Garage hinterlassen. „Manches hat uns mitgenommen“, sagt der Journalist Raimund Kirch aus Nürnberg am Schluss. „Das war auch eine Trauerwerkstatt.“
Niemand kümmert sich wie die Kirchen um die Fragen, die hinter dem Tod und dem Sterben stehen. Und die Gesellschaft erwartet das. Denn sie hält die Kirchen für besonders zuständig. In Deutschland sind Gottesdienste üblich, wo andere Länder Staatsakte begehen – etwa nach Katastrophen, Amokläufen und Tragödien wie dem vorsätzlich herbeigeführten Flugzeugabsturz am 24. Mai 2015 in den südfranzösischen Alpen. Wenn es um letzte Dinge geht, schweigt die Politik.
Dafür werden die Kirchen nach Deutungen gefragt, nach ihrem Glauben und ihrer Hoffnung und danach, ob das Leben einen Sinn und eine Zukunft über den Tod hinaus hat. Vielen Menschen ist der Glaube daran ungewiss geworden. Am Grab sprechen Pfarrerinnen und Pfarrer nach wie vor den Satz aus dem ersten Korintherbrief: „Es wird gesät verweslich und auferstehen unverweslich“. Und im Glaubensbekenntnis sagt jeder Christ den Satz: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten“. Wie lässt er sich heute verstehen? Kann er noch Menschen trösten? Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat sich dazu positioniert: „Die biblische Erwartung eines Lebens nach dem Tod ist eine wunderbare Hoffnung.“ Kann man die Frage von Angehörigen bejahen, ob sie die Verstorbenen einmal wieder in die Arme schließen können? Ja, meint Bedford-Strohm, „ich kann verantwortlich sagen, dass wir unsere Lieben wiedersehen. Denn unsere Identität wird nach den Aussagen der Bibel nicht aufgehoben. Gott ruft uns mit Namen.“
Ein Sterben in Würde muss möglich sein
Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 900.000 Menschen. 10.000 davon, also ein knappes Prozent, haben ihrem Leben selber ein Ende gesetzt. Im Amtsdeutsch heißt das „vorsätzliche Selbstbeschädigung mit Todesfolge“. Ab einem Alter von 65 Jahren steigt die Zahl der Selbsttötungen vor allem bei Männern stark an. Auch deshalb debattierte der Bundestag im Herbst 2015 über eine Neuregelung der Sterbehilfe. Die meisten Abgeordneten waren sich in den Diskussionen über eine ärztlich assistierte Selbsttötung einig, dass organisierte Sterbehilfe verboten werden müsse.
Markus Rückert, der Münchner Vorstandsvorsitzende der Augustinum Stiftung, die in Deutschland unter anderem 23 Wohnstifte für Senioren betreibt, fragt dagegen, warum die Wahlfreiheit, die sonst das Leben der Menschen bestimmt, beim Sterben enden solle. Sterbehilfe-Organisationen wie „Exit“ und „Dignitas“ in der Schweiz, die Menschen helfen, ihr Leben zu beenden, nähmen „ein Anliegen auf, das offensichtlich besteht“.
Nach eigenen Angaben hat etwa der Verein „Dignitas“, dem auch deutsche Mitglieder angehören, seit der Gründung im Jahr 1989 rund 1.900 Menschen beim Freitod geholfen. Das wären, sagt Rückert, „ein Zehntelpromille aller Sterbenden in unserem Land“. Einen Dammbruch, wie ihn Kritiker befürchten,
sieht er darin nicht. Allerdings macht er sich darüber Gedanken, dass sich immer mehr Prominente das Recht herausnehmen, ihr Leben zu beenden.
Die bayerische Landeskirche mit ihrem Landesbischof steht hingegen dafür ein, das Tötungstabu in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten und Ärzte nicht mit der Aufgabe zu betrauen, Menschen bei der Selbsttötung zu helfen. Mit einem Buch unter dem Titel: „Leben dürfen – leben müssen“ hat sich Bedford-Strohm in die Debatte eingeschaltet und fordert eine gesetzliche Regelung, „die verhindert, dass die aktive Beendigung des Lebens zu einer selbstverständlichen Option wird“. Voraussetzung dabei sei die „nachhaltige Verbesserung der pflegerischen Versorgung Sterbender“, damit ein Sterben in Würde möglich werde.Der Erlanger Theologe Peter Dabrock ergänzt, dass die Kirche aber auch in den Jahren vor dem Sterben stärker zur Stelle sein müsse. Besorgt schaut er auf die wachsenden Zahlen der Selbsttötung älterer Männer: „Auch die Zeit des nicht mehr agilen Alters muss mit Sinn und Begegnung gefüllt werden.“
Learning by doing
Menschen zu begleiten, beim Sterben, aber auch nach dem Tod eines Angehörigen – darin liegt eine Kernkompetenz der Kirchen. Immerhin haben bayerische Pfarrerinnen und Pfarrer 2013 mehr als 28.000 Menschen beerdigt. Das übersteigt die Zahl der knapp 25.000 Konfirmationen und etwas mehr als 22.000 Taufen.
Doch wie sind Pfarrerinnen und Pfarrer auf die vielen Beerdigungen vorbereitet? Hans-Martin Weiss, der Regensburger Regionalbischof, erinnert sich an seine Zeit als Gemeindepfarrer: „Die ersten Beisetzungen waren ein Sprung ins kalte Wasser.“ Im zweijährigen Vikariat wurden zwar auch Beerdigungspredigten besprochen. „Aber wie man die Feier gestaltet, wie man den Erdwurf macht, wie man die Gemeinde ums Grab versammelt, das musste ich mir aneignen. Das meiste war learning by doing.“ Heute, sagt er, werden Vikarinnen und Vikare im Hinblick auf liturgische Präsenz besser ausgebildet. Weiss kommt aus einer Kirchenmusikerfamilie. Motetten über Tod, Auferstehung und das Ende haben seine Frömmigkeit geprägt: „Die Musik bereitet darauf vor, ein tröstender Seelsorger zu sein.“ Doch es bleibt die Frage, welche Theologie man vertritt – ob und wie der Pfarrer die Hinterbliebenen trösten kann, auch wenn er selber innerlich mit den Aussagen der Bibel über ein Leben nach dem Tod ringt.
Schließlich sind auch ganz profane Probleme zu lösen: Immer mehr Leichen werden verbrannt und in Urnen beigesetzt. Manche wollen auf keinem klassischen Friedhof mehr beerdigt werden, sondern in einem Wald. Ulrike Kost, leitende Kirchenrechtsdirektorin und im Münchner Landeskirchenamt auch für Friedhöfe zuständig, schätzt, dass etwa jede zweite Kirchengemeinde einen eigenen Friedhof betreibt. Dazu kommen zwei Friedwälder in Rödelsee und bei Pappenheim. Friedhöfe, sagt sie, stecken in einem Umbruch. Urnenbestattungen kosten weniger Platz und Gebühren. Kaum noch jemand kann oder will ein Grab pflegen. Das nagt an der Wirtschaftlichkeit eines Friedhofs. „Und es gibt keine rationalen, zwingenden Gründe, warum eine Kirchengemeinde einen Friedhof betreibt, was eine Pflichtaufgabe der Kommunen ist. Da spielen viel Emotion und Tradition mit.“
Auf dem Friedhof spiegelt sich die Gesellschaft, bestätigt Pfarrer Thomas Grieshammer aus Nürnberg, zuständig für die evangelischen Friedhöfe der Stadt. So wie das Leben sind auch Sterben und Tod vielfältig geworden. Und ein Trend aus dem Norden hat inzwischen auch Franken erreicht: Mehr Menschen als früher sollen schnell, billig und einfach bestattet werden. Manche wollen gar keine Feier mehr. Oder auch: Sterbende möchten ihren Angehörigen nicht zur Last fallen und wünschen sich eine anonyme Bestattung, doch Hinterbliebene wollen einen Ort für ihre Trauer haben. Wieder andere hätten gerne Fotos des Toten auf dem Grabstein, aber kein Kreuz. Neu sind auch Vereinsgräber in den nördlicheren Bundesländern. Fußballclubs zum Beispiel bieten Heimat und werden wichtiger als eine Familie, wenn sie noch besteht. „In Deutschland ist viel in Bewegung“, sagt Grieshammer, „nichts bleibt, wie es ist.“
Die Kirche als kompetenter Ansprechpartner am Ende des Lebens
- In der Trauer nicht allein: Ein Angebot der bayerischen Landeskirche mit Suchmaschine für Gemeinden und Ansprechpartner am Ort
- Hilfen für die Zeit danach: Ratschläge und Angebote von der Vorbereitung auf das Sterben bis zur Trauerphase nach der Bestattung
- Trauernetz: Ein deutschlandweites Angebot der evangelischen Kirche für Trauernde und Hinterbliebene
- Bestatterverband Bayern: Eine Seite mit Tipps rund um die Bestattung
- Männerarbeit der bayerischen Landeskirche: Pfarrer Günter Kusch, Nürnberg
In manchen Familien gibt es keine Christen mehr
Was heißt es unter diesen Umständen, einen evangelischen Friedhof zu betreiben? „Wir stehen in einer Tradition und wollen sie durchhalten“, so der Pfarrer. Auf dem Friedhof St. Leonhard etwa kann nur der das Nutzungsrecht an einer Grabstelle erwerben, der einer christlichen Kirche angehört. Jedoch können alle bestattet werden. „Aber wir kommen an Grenzen“, berichtet Grieshammer, „in manchen Familien gibt es keine Christen mehr.“ Er erlebt aber auch, dass Angehörige wegen dieser Regelung vor der Bestattung die Kirche förmlich neu entdecken und in die Kirche eintreten.
Um den gewandelten Bedürfnissen zu entsprechen, haben die kirchlichen Friedhöfe ihr Angebot erweitert. Sie bieten Urnenfelder unter Bäumen, Wiesengräber und Themenareale, „und wir schauen, dass das Gesamtbild des Friedhofs nicht darunter leidet; das ist im Prinzip wie Stadtplanung“, sagt Grieshammer. Anders als kommunale Friedhöfe werden die kirchlichen nicht quersubventioniert: „Unter einer Belegung von 60 Prozent wird es schwer, einen Friedhof zu finanzieren.“
Manch eine Entwicklung sieht Grieshammer kritisch. Friedwälder zum Beispiel, wo die Urnen Verstorbener im Wald zwischen Baumwurzeln beigesetzt werden, sind zu erreichen, solange man gut zu Fuß ist. Wird, wie in den Niederlanden, der Bestattungszwang insgesamt aufgehoben, kann man die Urne zuhause aufs Regal stellen. „Aber was ist“, fragt Grieshammer, „wenn sich die Angehörigen zerstreiten? Ich habe erlebt, dass Angehörige aus Hass Urnen entwendeten und auf einer Hundewiese ausgestreut haben. Für mich genießen auch tote Menschen Schutz.“ Trauer hat etwas Öffentliches. Deshalb plädiert die Kirchenleitung nicht nur dafür, dass Trauerorte frei zugänglich bleiben. Gott hat alle Menschen bei ihrem Namen gerufen – aus dieser christlichen Überzeugung heraus tritt sie auch dafür ein, dass an den Begräbnisstätten ein Namensschild an die Verstorbenen erinnert.
Im Sargbauseminar in Dinkelsbühl berichtet Erich aus dem Bayerischen Wald. Da war es Tradition, sein Totenbrett selber auszuhobeln. Als Erinnerung an die Toten wurden die Bretter dann mit einer Widmung an den Wegesrand gestellt. Andere Teilnehmer haben am Ende einen Brief an sich selbst geschrieben. Günter Kusch wird ihnen die Briefe nach einem Jahr zuschicken, „dann können sie selbst sehen, ob sie ihrem Leben noch einmal eine neue Wendung gegeben haben“. Wolfgang aus Fürth hat seine Stele am intensivsten bemalt. Mit Klaviertasten und einer Gitarre. Dann hat er ein paar Punkte gemalt. „Es reicht, wenn ich weiß, was es bedeutet“, sagt er.