Bibel und Ballons
37 Luftballons auf ihrem Weg in den Kirchenhimmel. Rot, blau, rosa, grün, gelb, orange – sie erinnern an fröhliche Kindergeburtstage. Hier aber müssen die Ballons an einer Dornenkrone vorbei, an der sie zu zerplatzen drohen.

Das Deckengemälde in der Kuppel der Christuskirche in Ebern und die bunten Ballons an den Wänden hinter dem Altar provozieren. Die schroffe Dornenkrone und die fragilen Ballons im Blau des Himmels, nur unterbrochen von einigen weißen Wolken – das löst Kritik aus. „Indem ich die Dornenkrone als Leidenssymbol ins Zentrum stellte, wollte ich einen möglichst großen Kontrast schaffen“, so der in Bad Windsheim lebende Künstler Gerhard Rießbeck.

Eigentlich ist Kirchenkunst nicht Rießbecks Hauptthema. Zurzeit beschäftigt er sich eher mit der kargen Natur der Polargebiete. Impressionen in kühlen Farben prägen diese Arbeiten. Als er eingeladen wurde, sich an dem Kunstprojekt 12 (W)ORTE zu beteiligen, sah er es als eine Herausforderung an, sich mit religiösen Themen zu beschäftigen. Die Themen wurden von der Kirche vorgegeben, daraus konnte im Großen und Ganzen aber frei gewählt werden. Die Kreuzigung Christi jedoch wollte keiner haben. „Da dachte ich, dann mache ich das eben“, so

Video: Gerhard Rießbeck über seine "bunte" Kreuzigung Christi

Rießbeck. „Die Idee der Ausführung kam mir schon auf der Autobahn, als ich vom Auswahlgremium zurückfuhr. Die Kreuzigung ist für uns in der heutigen Zeit etwas Fremd­artiges, und ich wollte dieses Fremdartige daher besonders betonen.“ Inspiriert wurde der Künstler vor allem durch die Deckenfresken Michelangelos. Doch die Einfachheit des Motivs erinnert auch an die Pop-Art Andy Warhols. Luftballons symbolisieren Lebensfreude und Leichtigkeit. Man denkt an lustige Partys und ausgelassene Familienfeste. Wie passt das mit dem Leiden Christi zusammen? „Da war für mich zunächst der Reiz, eine formale Spannung zu erzeugen“, erzählt Gerhard Rießbeck. „Die spitze, dunkle Dornenkrone im Kontrast zu runden, weichen Formen und Farben – der Weg zum Luftballon war für mich vollkommen logisch und ganz naheliegend.“


Der Kreuzgang in freier Natur von Wolfgang Stefan
Der Kreuzgang in freier Natur von Wolfgang Stefan

Video: Wolfgang Stefan macht Kunst für die fränkische Kirche
Video: Ulla Reiter über ihr Triptychon "Die Seligpreisungen"

Dass Kunst die Menschen unmittelbar trifft, lässt sich an den Reaktionen der Gemeinde der Christuskirche in Ebern gut erkennen. Die Kirchenbesucher waren überwiegend begeistert von der neuen Ausgestaltung ihrer Kirche. Das zeigen die positiven Einträge in das ausgelegte Gästebuch: „Danke, lieber Gott, dass ich auf deiner Party eingeladen war!“ Aber manche Gemeindemitglieder waren auch einfach nur geschockt. „Es kam sogar zu zwei Kirchenaustritten“, berichtet Pfarrer Bernd Grosser.

Rießbeck war bewusst, dass seine Arbeit provoziert. „Dass die Arbeit die Leute so verletzen könnte, dass sie die Kirche verlassen, war nicht intendiert. Aber ist denn nicht die eigentliche Provokation die Kreuzigung selbst? Da gibt es künstlerische Werke, die sich an Grausamkeit nur so überbieten.“ Gerhard Rießbeck wollte dem mit seinem fröhlichen Motiv der bunten Ballons etwas entgegensetzen – wenngleich sie, als banales Alltagssymbol, zunächst im Kirchenraum deplatziert wirken. „Wenn Sie mal in die Kirchen schauen, da gibt es viele Symbole. Ein Lamm zum Beispiel oder Trauben, Fische, Brot und Wein. Alles dem Alltag der Urchristen vor 2.000 Jahren entnommen und nicht von vorneherein heilig. Und genauso ist es mit dem Luftballon als Alltagssymbol von heute. Jeder kennt es, jeder Erwachsene und jedes Kind.“

Triptychon aus Schaumstoff:  Die Kirchengemeinde möchte „Die Seligpreisungen
Triptychon aus Schaumstoff: Die Kirchengemeinde möchte „Die Seligpreisungen" von Ulla Reiter behalten.

Anregen, verändern, neu gestalten – die Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner hat sich für ihren Kirchenkreis Bayreuth viel vorgenommen. Vor allem ihrer großen Leidenschaft – der Kunst – wollte sie in ihrer Kirche wieder neuen Raum geben. Zunächst gestaltete sie dazu ihre eigenen Arbeitsräume. Als sie diese bezog, merkte sie schnell, dass ihr etwas fehlte. Es hingen zwar Plakate an den Wänden, aber keine Kunst. „Ich habe gleich gewusst, dass ich so nicht arbeiten möchte. Ich brauche Kunst zum Arbeiten. Kunst erschließt für mich den Raum und öffnet den Geist.“ Und: Kunst vermag es ihrer Ansicht nach auch, Menschen besonders intensiv zu den Worten der Heiligen Schrift in Beziehung zu bringen.


Die Künstler für das Projekt sollten, so ihre Idee, aus Oberfranken kommen – Künstler also, die entweder dort geboren sind oder ihre Werkstatt in der Region haben. Eine Auswahl von 36 Bibelversen wurde in alle Tageszeitungen Oberfrankens gesetzt, mit der Bitte an die Menschen, ihre liebsten Worte aus der Heiligen Schrift auszuwählen. Die Resonanz war überraschend groß – immerhin 1.500 Rückmeldungen. Zwölf Bibelworte wurden schließlich ausgewählt. Warum zwölf und nicht sieben, 13 oder 15? „Zwölf ist eine biblische Zahl. Sie steht für das Volk Gottes, zwölf Stämme Israels, zwölf Jünger“, so die Theologin.

Mystisches und Märchenhaftes

Auf die einzelnen Kunstwerke gab es völlig unterschiedliche Reaktionen. „In Betzenstein war die Gemeinde fast einhellig entsetzt“, erinnert sich die Bischöfin. „Das Kunstwerk von Benjamin Zuber, eine Videoinstallation über das Abendmahl, ist ein hoch professioneller, sprechender Film, aber den Menschen sehr fremd. Gerade das zu zeigen, war dem Künstler sehr wichtig. Das Abendmahl kann für Außenstehende äußerst befremdlich wirken. Kunst ist nicht immer schön, sondern fordert auch heraus.“ Neben ablehnenden Haltungen in einzelnen Gemeinden gab es aber überwiegend Stimmen der Begeisterung. In Gößweinstein kam eine bisher namenlose Kirche durch die in ihr ausgestellte Skulptur von Klaus Hack zu ihrem Namen: „Zum guten Hirten". Die bleiche Holzschnitzerei regt die Phantasie des Betrachters zu verschiedenen Assoziationen an: indianischer Marterpfahl, die Statuen der Osterinseln oder die afrikanischen Steinskulpturen der Shona-Bildhauerkunst. Was immer der Einzelne mit dem Kunstwerk verknüpft – die Gemeinde liebt ihren schützenden Hirten aus Holz.

Aber nicht nur die Gemeinde Gößweinstein hat einen besonderen Bezug zu „ihrem” Kunstwerk. In Ebern wollen die Gemeindemitglieder abstimmen, ob Rießbecks Deckengemälde in den Besitz der Kirche übergehen soll, und Buttenheim hat den Ankauf des Werkes von Ulla Reiter bereits beschlossen. Am Gemeindeabend in der Matthäuskirche zur Vorstellung des Triptychons „Die Seligpreisungen”, dessen Figuren mystisch wirken und fast schon an Wesen aus 

Projektion von Eugen Gomringer
Projektion von Eugen Gomringer
Installationen von Ute Bernhard
Installationen von Ute Bernhard

Stele von Gerd Kanz
Stele von Gerd Kanz
Skulptur von Klaus Hack
Skulptur von Klaus Hack

Fantasyfilmen erinnern, erwartete Pfarrer Eckhard Mattke deutlich mehr Widerspruch. Er selbst, die Gemeindevertretung, Ulla Reiter und der Architekt der Kirche waren zugegen und standen als Gesprächspartner zur Verfügung. Man hatte Getränke kalt gestellt, und Eckhard Mattke freute sich an diesem Abend auf eine rege Diskussion. Stattdessen war nach einer halben Stunde Schluss. „Ich weiß nicht, wie ich es bewerten soll, aber es gab keinerlei Kommentare an dem Abend“, erinnert sich der Pfarrer. Später allerdings kam auch Kritik von außen. Manch einer fragte an, ob die Gemeinde wirklich „so etwas“ haben müsste. Dabei wurde das dreiteilige Triptychon von der Künstlerin aus Bamberg extra für den nagelneuen, modernen Kirchenbau geschaffen.

Im ersten Augenblick glaubt der Betrachter, bei den Arbeiten Reiters Granit- oder Marmorskulpturen vor sich zu haben. Stattdessen bestehen die Werke aus einem höchst alltäglichen Material. „Ich arbeite seit meiner Akademiezeit mit Schaumstoff, der mich in seiner Leichtigkeit und Weichheit fasziniert. Ich habe damit schon die unterschiedlichsten Skulpturen angefertigt.“ Ulla Reiter war seit ihrer Kindheit inspiriert durch Gothic Novels oder die Maler der schwarzen Romantik. „Als ich die Seligpreisungen bekam, habe ich erst einmal ganz frei und assoziativ gezeichnet. Für die Allegorie der Sanftmut kam mir gleich das Lamm in den Sinn. Der Geier nimmt eine Art Trauerposition ein. Die leuchtende Blume soll das Himmelsreich symbolisieren und ein Heilsversprechen geben. In meinem Triptychon der Seligpreisungen hat jede Figur ihre Entsprechung.“

„Ich bin dann mal weg“ – auf dem Sophienberg

Für große Begeisterung und Pilgerströme sorgt auch der begehbare Kreuzgang von Wolfgang Stefan, das einzige Werk des Projekts 12 (W)ORTE, das sich in der freien Natur befindet. Die architektonische Konstruktion setzt sich zusammen aus senkrecht stehenden, miteinander verbundenen Hölzern, die zum Himmel streben. Der einer Kapelle nachempfundene Kreuzgang ist von allen Seiten offen, Licht und Luft können ein- und ausströmen. „Es war meine Absicht, dass das Kreuz beim Hinein- und Hindurchgehen nicht einengt. Die Grundfunktion des Glaubens soll ja nicht einengend, sondern eher befreiend sein – und doch Geborgenheit vermitteln.“ 

Das Bibelwort „Von allen Seiten umgibst du mich“ ist von ihm durch den Kreuzgang genau so umgesetzt worden. Für diese Idee entschloss sich der Künstler auch, auf dem Sophienberg mitten ins Feld, das von schützenden Bäumen umschlossen wird, zu gehen. Der gläubige und naturverbundene Bildhauer, der auf seinem Bauernhof in Selb-Vielitz lebt und arbeitet, wollte ein Kunstwerk schaffen, das sich intensiv mit der Natur verbindet. „Im Sommer wird das Kreuz von der untergehenden Sonne beleuchtet und erstrahlt in sanftem Abendlicht. Wenn sich dagegen im Herbst die Blätter verfärben oder im Winter der Schnee fällt, entstehen wieder ganz andere und neue Stimmungen.“ Die Kreuzgang-Kapelle diente auch schon als Anziehungspunkt für Sommerfeste. Ganze Regionen beteiligen sich an Pilgerfahrten zum Sophienberg. „Die Menschen kommen hier zusammen, sprechen miteinander, musizieren, meditieren und beten – was mich sehr berührt.“


„Was wir erreichen wollten, ist eingetreten“, fasst Bischöfin Dorothea Greiner das Kunstprojekt 12 (W)ORTE zusammen. „Die Dialoge, die in den Gemeinden entstanden sind, haben die Menschen auch miteinander ins Gespräch und einander nähergebracht.“ So verwundert es nicht, dass einige der Gemeinden intensiv darüber diskutieren, „ihr“ Kunstwerk langfristig zu erhalten.


Ursprünglich war die Laufzeit der Kunstaktion „12 (W)ORTE“ bis Ende 2015 geplant, viele Kunstwerke wird man aber auch noch länger betrachten können. Deshalb hier drei empfehlenswerte Ausflugsvorschläge.

Route 1

„Die Seligpreisungen“ von Ulla Reiter in Form eines modernen Flügelaltars sind in der Matthäuskirche der Gemeinde Hirschaid-Buttenheim zu sehen. Der malerische Marktflecken ist nicht zuletzt auch wegen anderer Sehenswürdigkeiten ein lohnendes Ausflugsziel, beispielweise finden Sie dort das in Deutschland einmalige Levi-Strauss-Museum oder in der Umgebung das für sein Fachwerk bekannte Frankendorf und die barocke Wallfahrtskirche St. Georg auf dem Senftenberg.

Von hier aus geht es durch die bezaubernde Flusslandschaft des Wiesenttales über die beiden ältesten Luftkurorte der Fränkischen Schweiz, Streitberg und Muggendorf, nach Gößweinstein. Dort beherbergt die schlichte evangelische Holzkirche „Zum guten Hirten" die Skulptur des Künstlers Klaus Hack.

Route 2

In der Gemeinde Gemünda (Stadt Seßlach) befindet sich der zur Johanneskirche gehörende „Garten der Besinnung“, ein Projekt des Dekanats Michelau. Der malerische Garten ist in fünf Bereiche unterteilt, die die fünf Sinne des Menschen repräsentieren und ebendiese anregen sollen. Die Stahlstele „Die Schöpfung“ des Künstlers Gerd Kanz vervollständigt das Projekt.

In Richtung Süden führt der Weg zur Pankratiuskirche in Schottenstein. Zwei Kreuze, bestehend aus vier Büchern: Die Arbeit der Künstlerin Ute Bernhard symbolisiert die zehn Gebote.

Durch das Obermaintal geht es weiter nach Kulmbach. Die Kirchengemeinde Kulmbach-Kreuzkirche ist ebenfalls Teil des Kunstprojekts Zwölf (W)Orte. In der Kreuzkirche war die Weihnachtsgeschichte von Eugen Gomringer auf die inneren Dachschrägen projiziert. Diese ist nicht mehr zu sehen, wohl aber das ergänzende Kunstwerk seines Freundes Ingo Glass „TRINITAS“.

Route 3

In der neu gestalteten Münchberger Stadtkirche findet sich in der Eingangshallte das Kunstwerk „Der Herr segne dich und behüte dich“ zum Aaronitischen Segen von Sonja Weber.

Über die Autobahn gelangt man schnell nach Hof. Die erste Kirche Hofs von der Autobahn kommend ist die Kreuzkirche. Dort findet sich das Kunstwerk „Der verlorene Sohn“ von Judith Siedersberger, mit den herzblättrigen Efeuranken auf dem Kirchenvorplatz und der Klanginstallation mit Herztönen im Eingangsbereich der Kirche.

Der Besuch der Stadtkirche St. Jobst mit dem neu gestalteten „Jobst“ von Tobias Ott rundet die Tour ab.

Initiierte das Kunstprojekt:  Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner
Initiierte das Kunstprojekt: Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner