Betritt man das Foyer des Gebäudes, so ahnt man nicht, dass es auch an diesem Abend hier so gut wie keinen freien Raum gibt. Hinter manchen Türen diskutieren Menschen angeregt, hinter anderen wird getanzt oder gespielt. Und das, obwohl die Räume mit ihrem 80er-Jahre-Charme alles andere als jung oder gar „stylisch“ wirken. Susanne Hötzel ist seit achteinhalb Jahren Hochschulpfarrerin in Würzburg. Zu ihrer „Gemeinde“ gehören um die 34.000 junge Menschen. So viele studieren hier an der Uni und an der Musikhochschule. „Sie sind natürlich nicht alle evangelisch, aber wir sind ein besonders offenes Haus, jede und jeder ist willkommen, ganz gleich, welcher Konfession“, betont sie; ihr Kollege Matthäus Wassermann ist seit dreieinhalb Jahren dabei.
Präsent und ansprechbar
Antonia Manns kam aus Hannover zum Psychologiestudium nach Würzburg. Kontakt zur ESG aufzunehmen, war für die 23-Jährige so gut wie selbstverständlich. Seit vielen Jahren engagiert sie sich bereits bei den christlichen Pfadfinderinnen. Viele der Kommilitonen aber, so ihre Beobachtung, nutzen die Angebote der ESG, obwohl sie vorher eher wenig Kontakt zu Kirche und Gemeinde hatten. Manns bildet gemeinsam mit ihren Mitstreitern Theresa Lechner, Karolina Bures und Daniel Schneider den Sprecherrat der ESG, „sozusagen den Kirchenvorstand“, der die Aktivitäten der ESG mitorganisiert und -verantwortet. „Die Arbeit hier basiert auf drei Säulen“, erklärt Hötzel:
Die erste bildet Seelsorge und Beratung. Hier geht es um die verschiedensten Themen: Fächerwechsel, Beziehungsprobleme, Heimweh am neuen Studienort oder auch Abnabelungsprobleme von den Eltern. „Die Bandbreite des Lebens“, sagt Wassermann. „Einzigartig in Bayern ist, dass es ein psychologisches Betreuungsteam gibt – von Studenten für Studenten.“ Zu ihm gehören 15 Studierende der Fachrichtungen Psychologie, Medizin oder Soziale Arbeit, die wiederum von einem Supervisor begleitet werden.
Christ-Sein ist politisch
Die zweite Säule der ESG-Aktivitäten sind Arbeitskreise, die von Studenten ehrenamtlich geleitet werden. Darin beschäftigen sie sich mit verschiedenen Formen von gesellschaftlichem Engagement, machen aber ebenso Musik, tanzen oder spielen Theater. Der dritte Bereich schließlich ist das spirituelle Leben wie Gottesdienste, „Auszeiten“ oder Hauskreise. Auch „Themen im Diskurs“ bietet die Gemeinde an. Dazu gehören Abende zum Jakobsweg ebenso wie „Christen und Buddhisten im Gespräch“ oder ein Seminar zu Dietrich Bonhoeffer. „Die Bandbreite ist unglaublich groß“, freut sich Mathematikstudentin Theresa Lechner, der die Atmosphäre bei der ESG vor vier Jahren, als sie zu studieren begann, sofort gefallen hat.
Beim Blick ins Semesterprogramm erblickt man viele Veranstaltungen mit gesellschaftspolitischem Hintergrund. Das ist kein Zufall, denn Christ-Sein wird bei der ESG durchaus politisch verstanden, wie Daniel Schneider betont. Der 24-Jährige studiert Deutsch, Geschichte und Theologie auf Lehramt und ist, wie er bekennt, ein sehr politischer Mensch. Schneider engagierte sich bereits in der Studentenvertretung und möchte auch mit der ESG „die Welt ein wenig mitverändern“. Sein Engagement sieht er an vielen Stellen ganz bewusst als „Kontrapunkt zu der Politik, die die CSU in Bayern macht.
Ideen sind gefragt
Im Jahr 2014 sorgte die ESG denn auch durch eine besondere Aktion für Furore. Mit einem Kirchenasyl verhinderte sie, dass ein Flüchtling aus Äthiopien nach Italien abgeschoben wurde. Der 27-jährige Berhanu H. sollte aufgrund der sogenannten Dublin-III-Verordnung nach Italien zurückgebracht werden, weil in der Europäischen Union jeweils das Mitgliedsland für den Asylantrag eines
Flüchtlings zuständig ist, in dem erstmals EU-Gebiet betreten wurde. Am Flughafen München hatte es bei einem ersten Abschiebeversuch Tumulte in der Flüchtlingsgruppe gegeben. Deshalb war die „Rückstellung“ abgebrochen worden. Vor einem erneuten Abschiebungsversuch gewährte ihm die ESG Kirchenasyl, bis die Rückstellungsfrist abgelaufen war. Unter anderem mit dem „Café International“ engagiert sich der Arbeitskreis weiter für Flüchtlinge. Die Idee dahinter: „Vor allem dezentral in Wohnungen untergebrachte Flüchtlinge sollen mit einem offenen Treff angesprochen werden. Damit möchten wir Vereinsamung verhindern“, bekräftigt Pfarrerin Hötzel.
Szenen- und Ortswechsel: Gut drei Kilometer von den Räumen der ESG entfernt, am Würzburger „Stein“, wächst einer der besten Frankenweine. Doch am heutigen Samstag fällt den Wanderern auf dem Berg auch eine bunte Schar junger Menschen auf, die emsig mit allerhand Gartengeräten hantieren: Es ist Pflanztag im Garten „Eden“. Studentinnen und Studenten von ESG und Katholischer Hochschulgemeinde legen gemeinsam Beete an. Für Theresa Lechner ein Projekt, das ihr ganz besonders am Herzen liegt, weil es für die unkonventionellen Ideen steht, die Studierende bei der ESG verwirklichen. Der „Arbeitskreis Ökomenisch Welt fairändern“ bewirtschaftet das 3.000 Quadratmeter große Stück Land zwischen Steinburg und Bismarckturm. Eine Würzburger Familie stellte den Garten unbürokratisch zur Verfügung, nachdem die Studierenden diese für das engagierte Projekt begeistern konnten. Die Mitglieder des Arbeitskreises beschäftigen sich hier unter anderem mit veganer Ernährung, fairer Kleidung, organisieren Kleidertauschpartys oder Vorträge und Führungen etwa zu den Themen „Geld“ und „Müll“.
Werte selbstbewusst vertreten
Theresa Lechner, die im Rahmen des Arbeitskreises einen veganen Mittagstisch organisierte, erläutert ihre Vorstellungen von einer „solidarischen Landwirtschaft“, die weit über den Gemeinschaftsgarten hinausgehen: „Zum Beispiel haben wir einem Bauern aus dem Landkreis über einen längeren Zeitraum einmal in der Woche ein festes Kontingent abgenommen.“ Für die 25-Jährige eine echte Win-win-Situation: „Wir haben gute Produkte aus der Region, und der Bauer kann sicher sein, dass er einen Festpreis bekommt.“
Doch nicht alles in der ESG kommt politisch daher. Im umfangreichen Semesterprogramm finden sich auch Rubriken wie „Theater und Kreatives“ mit Bildhauern für Einsteiger oder ein Märchenworkshop, „Body and Motion“ mit Jonglieren, Capoeira und Standardtanz – oder etwa „On Tour“ mit Kegeln, E-Kart-Fahren, Wanderungen oder Weinproben. Für viele Studierende der erste Kontakt zur Gemeinde. Auch Politik-Fan Daniel Schneider bekennt schmunzelnd: „Ich kam eigentlich über die Schafkopf-Gruppe zur ESG.“
Und was ist an all dem evangelisch? „Die Studierenden identifizieren sich mit den Werten, die wir hier leben und für die wir eintreten. Und sie stehen gerne auch öffentlich zur ESG und ihrem Engagement“, weiß Hötzel. So tragen viele zu so manchem Anlass – oder einfach in der Freizeit – selbstbewusst ein ESG-T-Shirt. „Bei offiziellen Veranstaltungen ist dies ohnehin für niemanden eine Frage, etwa wenn die Jonglage-Gruppe auf einem Fest in der Stadt im Einsatz ist.“
„Wir senden auf allen Kanälen“
Aufpassen müsse man, das große Engagement nicht als zu selbstverständlich anzusehen und so selbstzufrieden und träge zu werden, sagt die Pfarrerin selbstkritisch. Schließlich sei die Fluktuation naturgemäß größer als bei anderen Gemeinden. „Die Studierenden machen ja irgendwann Examen und verlassen die Universität und oft auch die Stadt.“ Doch auch für diese bedeute der Abschied von der ESG in vielen Fällen einen Bruch: „So wie sie ihre Ideen hier verwirklichen können, geht das in normalen Kirchengemeinden in den meisten Fällen nicht.“
Hötzel und Wassermann freuen sich über den regen Zuspruch der Studierenden und auch über die hilfreichen Impulse seitens des Hochschulbeirats, der sich aus Mitgliedern der unterschiedlichsten Fachbereiche und Fakultäten zusammensetzt. Zufrieden sind sie damit jedoch noch lange nicht und möchten noch mehr Studentinnen und Studenten begeistern. 8.000 Programme in gedruckter Form verteilt die ESG jedes Semester, und auch die breit aufgestellte Homepage wird stets aktuell gehalten. „Wir senden auf allen Kanälen“, lacht Wassermann.
Studierenden- und Hochschulgemeinden in Bayern
In Bayern gibt es insgesamt 28 Evangelische Studierenden- und Hochschulgemeinden, einige sind Teil ökumenischer Hochschulgemeinden. Sie bieten allen, die an Hochschulen in Bayern studieren, lehren und arbeiten, Seelsorge und Beratung, Gemeinschaft und gelebten Glauben sowie vielfältige Aktivitäten. Zusätzlich helfen sie bei der Wohnungssuche, bei der Orientierung am neuen Studienort und auch bei der Wahl des Studienfaches.
Mehr Infos finden Sie auf www.esg-bayern.de