Um sechs Uhr ist Wecken. Kein Problem für Sammy. „Ich bin immer früh aufgestanden“, erzählt der 13-jährige Gymnasiast. Denn er liebt es, morgens Zeit für sich zu haben. Damit ist es aber seit zwei Jahren vorbei. Seitdem erwartet ihn ein straffer Zeitplan: Als Erstes eine halbe Stunde Hausaufgaben, an drei Tagen in der Woche schließt sich noch eine kurze Morgenandacht an, bevor die Schüler der Mittelstufe zum Frühstück gehen dürfen.
Nicht nur der morgendliche Ablauf hat sich für den Nürnberger Schüler geändert, seit er im Internat des Windsbacher Knabenchors lebt. Samuel wird hier umfassend gefördert, und mit dem Singen verbringt er sehr viel Zeit. Bis vor kurzem ist er jeden Nachmittag in die Chorprobe bei Leiter Martin Lehmann gegangen, außerdem kommen noch Stimmbildung und Instrumentalunterricht dazu. Im Moment ist er allerdings im Stimmbruch und darf nur wenig singen.
Die Chorproben sind für Sammy eine Möglichkeit, zu zeigen, was er kann. Als sie letztes Jahr zwei Wochen lang auf USA-Reise waren, gehörte er zu einer kleinen Gruppe von Sängern, die für Orlando di Lassos bekanntes Stück „Das Echo“ die Echoeffekte singen durfte. „Letzten Endes entscheidet Herr Lehmann, wer ein Solo singt“, erklärt er. „Aber es hängt schon davon ab, wie man sich anstrengt im Chor. Und man muss schon eine Zeitlang da sein, bevor man solo singt. Man muss Zeit haben, sich zu beweisen.“
Jungs sind anders
Sich beweisen – eine Wortwahl, die ein Laie nicht unbedingt mit einem Chor in Verbindung bringen würde. Wohl aber mit einem 13-Jährigen. Denn Samuel und seine Freunde sind nicht nur begeisterte Sänger, sie sind auch ganz normale Jungs, die gerne Fußball spielen oder ins Schwimmbad gehen, gemeinsam Blödsinn machen und auch mal kleine Wettkämpfe austragen.
„Windsbach ist ein Jungsbiotop“, erklärt Pfarrer Thomas Miederer, seit vielen Jahren Internatsleiter in Windsbach. „Und Jungs sind anders. Es kommt darauf an, was für Ziele sie haben. Wenn sie schon in der Mittelstufe wissen, was sie studieren wollen, und dafür etwa eine 1 vor dem Komma brauchen, dann strengen sie sich auch an. Häufig leben sie aber auch nach dem Motto: Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss.“
Mit anderen Worten: Viele seiner Schützlinge „dosieren“ ihren schulischen Einsatz ziemlich genau. „Damit bringen sie Eltern und Erzieher manchmal zum Wahnsinn“, sagt der weißhaarige Pfarrer, der am Gymnasium auch Religionsunterricht gibt. „Doch sie kommen immer ganz gut durch.“
Nach der Schule, die nur wenige Minuten vom Gelände entfernt ist, geht es zum Mittagessen. Auch Samuel sitzt hier mit seinen Freunden. Für ihn ist der Nachmittag eher geruhsam. Anders sieht es dagegen für Tobias aus. Der 17-Jährige geht in die elfte Klasse des Gymnasiums, für ihn stehen ständig Klausuren an, das Abitur rückt langsam in greifbare Nähe. Aus diesem Grund hat der schlaksige Junge aus Neu-Ulm auch seinen Instrumentalunterricht erst einmal beendet. Die ersten Jahre wurde er hier auch noch in Kontrabass und Horn unterrichtet. Doch jetzt hat er Prioritäten gesetzt, das Lernen geht vor! Und das ist noch nicht alles. Gleich muss er zur wöchentlichen Stimmbildung, wie jeder Sänger. Dann wird an allem gearbeitet, was dem Instrument Stimme dient: Atmung, Sprechen, Registerwechsel; auch kleine Nachlässigkeiten oder Fehler werden hier korrigiert.
Ins Internat gehen? Das ist in Deutschland eher verpönt. Trotzdem brauchen sich die Windsbacher über mangelnden Zulauf nicht zu beklagen. Der Impuls kommt häufig von den Eltern. So etwa bei Samuel, dessen Mutter Pfarrerin ist und die die Windsbacher bei einem Kirchenkonzert gehört hatte. Anschließend schlug sie ihrem Sohn vor, sich dort einmal vorzustellen. Tobias dagegen hat zwei ältere Brüder, die schon in Windsbach waren und ihn quasi überredet haben, doch ebenfalls dorthin zu kommen. Gelegentlich sind es auch Lehrer, die feststellen, dass ein Schüler ein besonderes Gehör oder eine schöne Stimme hat, und ihn auf Windsbach aufmerksam machen.
Natürlich gibt es Heimweh, gibt es daheimgebliebene Geschwister, die traurig sind. „Meine kleine Schwester freut sich immer, wenn ich am Wochenende nach Hause komme“, sagt Samuel. „Sie ist regelrecht neidisch auf meine Kumpels, weil die so viel Zeit mit mir verbringen können.“ Einmal platzte seine Mutter – mit ihrer Tochter im Schlepptau – mitten in eine Studierzeit hinein und erklärte Samuels Erzieher, dass sie ihren Sohn jetzt mal mitnehmen müsse. Tatsächlich hatte sie beschlossen, dass heute ein guter Tag wäre, um gemeinsam ins Schwimmbad zu gehen. „Das war echt das Coolste, was ich bisher hier erlebt habe“, erklärt Sammy noch heute begeistert.
Nach dem Mittagessen hat Tobias eine Stunde Zeit, anschließend geht’s zur Stimmbildung. Der junge Mann kommt mit diesem engen Stundenplan aber gut zurecht. Denn Windsbach hat für Tobias ein großes Plus: Es ist viel leichter, wenn er den Tagesablauf gemeinsam mit seinen Freunden durchlebt. Die haben dann zur gleichen Zeit frei wie er. Und sie schwitzen schon mal genauso über einer Aufgabe wie Tobias. „Man ist ständig bei seinen Freunden“, sagt er, „man kann ständig was unternehmen. Es ist nicht langweilig, und das finde ich echt das Schönste.“
Er weiß auch schon, wo für ihn die Reise hingeht, wenn er mal das Abi in der Tasche hat: Er will Mathematik studieren. „Ich werde zwar weiter Musik machen, aber nicht als Beruf“, erklärt er. Und hier liegt er in Windsbach voll im Trend. Die meisten Jungen betrachten Musik als ihr Hobby, nur wenige denken an eine spätere Sänger- oder Musikerkarriere.
Karriere? Oder eher nicht?
Einer, der das anders gemacht hat, ist David Lugert. Der 35-Jährige aus Forchheim hatte eigentlich nach dem Abitur in Windsbach vor, Sport zu studieren. Doch bereits nach wenigen Monaten war klar: Das Singen fehlt ihm. Also schrieb er sich am Nürnberger Konservatorium für Gesang ein. Dort gab es dann die nächste Kehrtwende. Gemeinsam mit Freunden aus Windsbach
gründete er das Vokalensemble Viva voce. A-cappella-Ensembles liegen seit einigen Jahren im Trend, viele kommen und gehen. Doch Viva voce schaffte den Durchbruch. „Das war auch etwas, was ich in Windsbach gelernt habe“, sagt Lugert. „Wenn du gut sein willst, dann musst du dich richtig reinhängen und wirklich alles geben, was du hast.“ Das Konzept ging auf, Lugert hängte sein Studium an den Nagel und ist bis heute mit Viva voce erfolgreich.
Zurück zu Tobias, der gerade eine Stunde Freizeit genießt. Kommt da nicht manchmal Wehmut auf, wenn man daheim die alten Freunde trifft, und sieht, was die für ein leichtes Leben haben? „Ich denk mir schon manchmal, was machen die denn den ganzen Tag?“, sagt Tobias. „Aber ich finde, wir haben es hier besser. Man erlebt einfach viel. Wenige meiner Freunde können sagen, dass sie in China waren, in Spanien oder Amerika Konzerte gesungen haben. Also man hat schon das Gefühl, das ist ein besonderes Leben.“
Dass das allerdings nicht einfach ist, wird dann bei der Nachmittagsprobe deutlich. Chorleiter Martin Lehmann hat die „Kleinen“ unter sich, Justus Merkel probt mit den Männerstimmen. Die Neun- bis 14-Jährigen hopsen und zappeln, sie knuffen sich mit den Ellbogen und erwecken durchaus schon mal den Eindruck einer übermütigen Kälberherde. Doch wenn dann endlich alle stillsitzen und die ersten Takte einer Schütz-Motette erklingen, dann ist klar: Jetzt wird’s ernst!
Und die Buben sind eifrig und aktiv dabei. Trotzdem muss Chorleiter Martin Lehmann auch mal laut werden, um seine Truppe zur Ordnung zu rufen. Zwar weiß jeder, worum es geht, aber manchmal ist eben das Flüstern mit dem Nachbarn interessanter. Dafür gibt’s dann eine Strafpredigt, wenn das nicht hilft, dann muss einer schon mal eine Zeitlang stehen beim Singen. Doch irgendwann macht es, wie immer beim Musikmachen, „Klick“, und es entsteht dieser ganz besondere Klang, der nur durch Knabenstimmen hervorgerufen werden kann.
Chor und Studienheim Windsbach
In den Chor und das Studienheim Windsbach werden Jungen aufgenommen, die gerne singen, um einen professionellen Konzertchor zu bilden. Die Jungen singen ihre ganze Schulzeit über und unternehmen in dieser Zeit eine Vielzahl an Tourneen und Gastspielreisen. Aktuell sind 124 Jungen in Windsbach. Im Jahr 2014 haben sie etwa 60 Konzerte gegeben, davon zehn in den USA. Nur die wenigsten Jungen (ca. 5 %) werden später Berufsmusiker. Das Chorinternat bietet eine umfassende schulische Versorgung, mit allen drei Schulformen direkt vor Ort. Im Internat oder Tagesheim werden die Schüler von professionellen Erzieherinnen und Erziehern betreut. Windsbach ist eine eigenständige Einrichtung der ELKB.
- Ansprechpartner: Windsbacher Knabenchor AöR Chorbüro
- Anschrift: Heinrich-Brandt-Straße 18, D-91575 Windsbach
- Telefon: +49 (0) 9871 708 200
- Internet: www.windsbacher-knabenchor.de
Knabenchor – kein Kinderspiel
Die Jungen singen komplizierte Renaissancekompositionen, vertrackte kontrapunktische Motetten mit tief religiösen, symbolisch aufgeladenen Texten, die für eine gläubige Gemeinde längst vergangener Zeiten geschrieben sind. Kinder können weder die musikalische Faktur noch die Bedeutung dieser Werke in ihrer Gänze begreifen. Doch zu einem Knabenchor gehören nun mal männliche Alt- und Sopranstimmen, und die können nur von Buben übernommen werden. Unter diesem Aspekt ist das Chorinternat eine der wenigen Möglichkeiten, langfristig mit einem erstklassigen Knabenchor arbeiten zu können. Die Jungen, die hier zur Schule gehen, leihen sozusagen ihre temporär hohen Stimmen diesem Gesamtklang.
Für Chorleiter Martin Lehmann bedeutet das, dass sich sein Chor etwa alle drei bis vier Jahre erneuert. „Zu unserer wesentlichen Arbeit gehört es, das Repertoire aufrechtzuerhalten“, erklärt der Dirigent, der als Junge Mitglied des Dresdner Kreuzchores war. „Aus diesem Grund ist die Stimmbildung auch so wichtig.“ Trotz dieser Sisyphusarbeit ist für den bekannten Künstler das Musizieren mit dem Knabenchor etwas ganz Besonderes. „Es ist immer wieder faszinierend, wie professionell man mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann. Auch junge Leute sind in der Lage, geistliche evangelische Chormusik zu singen und mit Leben zu füllen.“ Einen anderen wichtigen Punkt seiner Arbeit sieht er in der Erziehung zum Teamwork. „Schon als Junge war ich davon begeistert, wie viel man schaffen kann, wenn man als Team zusammenspielt.“
Diese Faszination gibt er jetzt weiter. Das heißt auch, die Jungen mit ihren Schwächen zu konfrontieren. Nach jedem Konzert beginnt er die nächste Chorprobe mit einer Manöverkritik. Da hat einer nach der Hälfte des Konzerts die Spannung verloren, ein anderer hat überall hingeschaut, nur nicht zu ihm. Das Zauberwort, mit dem Lehmann die Jungen hier packt, ist „100 Prozent Leistung“. „Du warst bei 50 Prozent, ich brauch dich aber mit 100 Prozent.“ Eine klare Ansage, die jeder im großen Konzertraum versteht!
Gemeinschaft und Gesang, das sind zwei der grundlegenden Pfeiler des Windsbacher Internats. Doch sie wären nicht komplett ohne den dritten, den Glauben. David Lugert, der ehemalige Windsbacher, fasst es in Worte: „Zu meinen schönsten Erinnerungen an die Zeit in Windsbach gehört eines meiner ersten Konzerte als Tenor. Ich war gerade 17 Jahre geworden und wir sangen Bachs Johannespassion in der Ansbacher Gumbertuskirche. Beim Schlusschoral hatte ich so etwas wie eine Erfahrung mit Gott. Die Spannung und die Atmosphäre in diesem Konzert waren unbeschreiblich, und inmitten des Chorals spürte ich plötzlich eine Kraft ganz tief in mir, die mich führte und trug. Noch heute denke ich manchmal an dieses Erlebnis zurück.“